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| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
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| Die Ampel leuchtet seit einer gefühlten Ewigkeit grün, aber die Autos an der Kreuzung des Westwood Boulevard und der Weyburn Avenue bewegen sich nicht. Die Fahrer haben die Hände vom Lenkrad genommen und strecken ihre Hälse aus den Fenstern. Aus ihren Gesichtern spricht eine Mischung aus Verwirrung, Ungläubigkeit und Angst. Während das Gehupe aus den hinteren Reihen lauter wird, springt die Ampel zurück auf Rot.
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| Schließlich fasst sich eine Fahrerin ein Herz und steigt aus. Sie nimmt ihr Smartphone in die Hand und richtet es gen Himmel, wo das unbekannte Flugobjekt gefährlich nah über der Kreuzung schwebt. Ihre Tat wirkt wie eine informelle Einladung, eine Erlaubnis. Eine Handvoll Leute, die am Gehsteig auf den Bus nach Hollywood warten, lösen sich ebenfalls aus ihrer Schockstarre und tun es ihr gleich. Die unbekannte Person, die das Flugobjekt steuert, hat die Gefahr jetzt offenbar erkannt.
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Die Umzingelung durch die Kameras veranlasst ihn oder sie, mit einem Schlag das Weite zu suchen. Die Drohne steigt auf. Als sie eine Flughöhe erreicht hat, in der sie nur mehr ein schwarzer Punkt am Himmel über Westwood ist, verschwindet sie zwischen den Hochhäuserschluchten Richtung Pazifik – mit einer enormen Geschwindigkeit, die darauf schließen lässt, dass sie von Leuten gesteuert wird, die ihr Handwerk verstehen. Auch Tage später hat der Spuk keinerlei Folgen. Keine Berichte in den lokalen Medien, kein Polizeireport. Abgesehen von einer Handvoll verwackelter Videos im Internet scheint es, als wäre nie etwas passiert.
Surreale Episoden wie diese – eine offenbar mit Kameras bestückte Drohne, die mitten in der zweitgrößten Stadt des Landes unbehelligt und gefährlich nah über einer vielbefahrenen Kreuzung kreist – mögen in den USA des Jahres 2025 noch die Ausnahme sein. Doch sie sind Vorboten einer neuen Normalität: einer Dystopie, in der technologischer Fortschritt und rückwärtsgewandter Autoritarismus Hand in Hand gehen – und die von den Führern und Sponsoren der MAGA-Bewegung offen angestrebt wird.
So unterschiedlich die Interessen dieser Gruppen auch sind – sie reichen von Tech-Titanen des Silicon Valley über die alteingesessene, traditionell republikanisch wählende Oberschicht bis zu religiösen Fanatikern und Hitler-Verehrern –, eint sie eine gemeinsame Grundüberzeugung. Sie ist ebenso simpel wie dem Wahlvolk leicht vermittelbar: Wir sind Amerikaner, und das allein erhebt uns über alle anderen.
Selbst bei oberflächlicher Betrachtung sind die Parallelen zwischen der von MAGA-Propagandisten befeuerten Erzählung vom „American Exceptionalism“ und den ideologischen Selbstvergewisserungen Russlands und Chinas kaum zu übersehen. Was Wladimir Putin die „Russische Welt“ und Xi Jinping das „Ein-China-Prinzip“ ist, ist den Trumpisten ihre Mythologie vom auserwählten Volk. Dessen Mitglieder dürfen, allein kraft ihres Geburtsrechts, alles und müssen nichts – ob innerhalb der eigenen Staatsgrenzen oder darüber hinaus.
Das zugleich Beruhigende wie Beunruhigende an diesem Denken ist nicht nur seine Ignoranz und Geschichtsvergessenheit. Warum dennoch so viele Amerikaner von der Idee beseelt sind, ihrem Land einen weiteren Platz auf dem an untergegangenen Imperien nicht eben armen Friedhof der Weltgeschichte zu reservieren, lässt sich vergleichsweise einfach beantworten. Mit einem einzigen Wort: Vehikel.
Von seinem eigenen Biografen über KI- und Social-Media-Magnaten bis hin zu nationalistischen Provokateuren wie Steve Bannon oder dem Holocaust-Leugner Nick Fuentes: Die Aussagen zahlreicher Weggefährten und Unterstützer Trumps legen nahe, dass ihn kaum jemand für zurechnungsfähig hält. Für ein Problem halten das gleichzeitig nur die wenigsten. Für viele stellt Trump – wie sie selbst in zahllosen Statements einräumen – vor allem eines dar: ein Vehikel zum eigenen Fortkommen. Ein Fortkommen, das sie der amerikanischen Öffentlichkeit mit erstaunlichem Erfolg als unabdingbar für das nationale Wohlergehen verkaufen.
Solange Trump liefert, was sie erwarten, werden sie ihm und ihrem Wunschnachfolger JD Vance nicht nur die Stange halten, sondern weiter massiv in die MAGA-Bewegung investieren. Zum einen um ihren Reichtum und ihre Macht weiter auszubauen. Zum anderen in der Hoffnung auf die Verwirklichung einer modifizierten Form des Ständestaats im Inneren: einer genuin nordamerikanischen Diktatur, in der jeder seinen festen Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie hat und – ähnlich wie in Russland oder China – soziale Mobilität nur noch jenen offensteht, deren Loyalität zum Regime außer Zweifel steht. Totalitäre Überwachungspraktiken mithilfe neuer Technologien, wie sie in amerikanischen Metropolen bereits ebenso patschert wie dreist erprobt werden, inklusive.
Ihr Klaus Stimeder
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