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Stattdessen geht es seit eineinhalb Wochen nur noch um: Latein, Latein, Latein.
Jenes Fach, das weniger als die Hälfte der AHS-Oberstufenschüler überhaupt lernt. Jenes Fach, das der Wirtschaft seit Jahrzehnten als unpraktisches Wissen ein Dorn im Auge ist. Und jenes Fach, das in jeder bildungspolitischen Diskussion prädestiniert ist, die Bürgerlichen entlang der Bruchlinie von konservativ und liberal zu entzweien.
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Ob es Absicht war oder nicht, kommunikativ war das spätestens mit der großen „Latein ist kein Luxus“-Petition der üblichen „wir ketten uns ans Funkhaus“-Verdächtigen ein Erfolg. Egal, wo man in der Sache steht: So intensiv hat sich die Republik (res publica, war da nicht was?) seit Jahrzehnten nicht mehr mit einer Lehrplanverordnung befasst. Und das kann man grundsätzlich einmal begrüßen – auch wenn das heimische Schulsystem weitaus größere Probleme hat, sollte die Frage, auf welches Leben die Schule unsere Kinder vorbereitet und wie, nicht unter den Tisch fallen. 

Aber genug der Komplimente, zur Sache: Wenn ich Sie als Leitfadenleser richtig einschätze, haben Sie vermutlich längst eine Meinung zu der Frage, ob Maturanten in Österreich in Latein versiert sein sollten und in welchem Ausmaß. Ich habe die auch – ich finde, Latein sollte weiter im Umfang eines Hauptfachs unterrichtet werden. 

Gar nicht so sehr des kulturellen Erbes Europas wegen (da schiene mir ein solider Religionsunterricht wichtiger). Und auch nicht der anderen Sprachen wegen, die es aufschlüsselt (da wäre eventuell, ich weiß nicht, Unterricht in anderen Sprachen sinnvoller). Sondern, weil Latein ein wahnsinnig effizientes Backup-Fach ist.

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus bin ich mir zum Beispiel sehr sicher, dass ich irgendwo zwischen Caesar, Cicero und der alten Dreckschleuder Sueton mehr über Republik und Autokratie, über Macht und Missbrauch, über Propaganda und Öffentlichkeit gelernt habe als in sechs Jahren Mittelschulgeschichte. 

Jetzt können Sie einwenden, ja, Renner, ist ja alles schön und gut, aber das zeigt halt nur dass du anderswo schlechte Lehrer gehabt hast, deren Job es eigentlich gewesen wäre, solche Kompetenzen zu vermitteln. Das stimmt natürlich – aber jeder, der mit dem Bildungssystem gleich in welcher Rolle zu tun hat, weiß, dass es immer ein Glücksspiel bleibt, ob man in einem wichtigen Fach gute Lehrer hat oder nicht. Weil es in unserem System für schlechte Pädagogen praktisch kaum Konsequenzen gibt, wird das auch auf Sicht so bleiben. 

Und in dieser Konstellation ist ein Fach wie Latein eine enorme Stärke: Es ist seiner Systematik nach gemacht dafür, Kompetenzen zu vermitteln, die zwar in x anderen Fächern vorkommen sollten – von der Textinterpretation in Deutsch über die Lektionen in Geschichte bis hin zu den Zusammenhängen in Philosophie oder Religion. In einer perfekten Bildungswelt, in der all diese Fächer super Vermittler hätten, kann man schon argumentieren, dass man Latein nicht bräuchte; in der real existierenden würden mir etliche andere Gegenstände einfallen, die man kürzen könnte, bevor man ein so breites Fach angeht, das jene Kompetenzen noch einmal trainiert, die man als Bürger an allen Ecken und Enden braucht. 

Das kann man natürlich anders sehen – und man kann auch argumentieren, dass das Fach diese Aufgaben in zwei statt in drei Wochenstunden pro Jahr genauso gut erfüllen könnte. Nur sollte das gut überlegt sein: Wenn die Stunden und die damit verbundenen Personalressourcen einmal gestrichen sind, wird es sehr schwer, diese Kompetenzen wieder aufzubauen. 

Was mich zum zweiten Teil des Wiederkehr-Vorschlags bringt, nämlich Informatik um eine Stunde (auf drei) und um KI-Kompetenz aufzustocken und ein neues Fach „Medien und Demokratie“ einzuführen. 

Ersteres ist grundsätzlich eine gute Idee – kaum ein Fach wird an Österreichs AHS so sträflich unterbeleuchtet wie Informatik, die die Grundlagen der elektronischen Welt vermitteln soll – in zwei Stunden für die gesamte vierjährige Oberstufe. Man muss kein Bildungsexperte sein, um das für völlig unterbewertet zu halten. Auch ohne die gehypte KI – ich bin skeptisch, ob die Lehreraus- und Fortbildung hier je mit der atemraubenden Entwicklung Schritt halten können wird – wäre eine Aufstockung elementar. 

Skeptisch sollte man auch gegenüber dem neuen Fach sein: Generell, weil es eine Unsitte ist, sämtliche gesellschaftlichen Missstände der Schule zur Lösung umhängen zu wollen, indem man publikumstauglich neue Fächer aus der Taufe hebt. Die Menschen sind zu fett? Tägliche Bewegungseinheit und Ernährungskunde in der Schule, bitte. Die Zahl der Schuldnerberatungen steigt? Endlich Wirtschaften auf den Stundenplan usw.

Auch die Medien- und Demokratiekrisen unserer Tage werden nicht durch das neue Fach wie von Zauberhand verschwinden – und die Schulen nicht dadurch besser, dass man ein neues, halbgares System anstückelt und das alte zusammenstreicht. Der bestehende Fächerkanon bietet in einer ganzen Reihe Fächer Platz für Lektionen in Demokratie und Öffentlichkeit – wenn der Bildungsminister den Eindruck hat, dass das dort entgegen den bestehenden Lehrplänen nicht stattfindet, sollte er zunächst am Personal- und Qualitätsmanagement arbeiten, statt einen neuen zu verordnen und nützliche Fächer wie Latein und lebende Sprachen zusammenzustreichen.

Servus,
Ihr Georg Renner

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