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| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
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| Mitte bis Ende Herbst ist von jeher die beste Zeit, um New York zu besuchen. Zu keiner anderen Jahreszeit ist die Stadt mehr bei sich selbst, als wenn die Luft ihren letzten Rest Wärme verliert, während sich die den Winter ankündigenden, Nor'easter genannten Stürme noch weitgehend auf ihre regnerischen Vorboten beschränken. Die Touristen, die vom späten Frühling bis Mitte September die Straßen von Manhattan und Brooklyn überschwemmen, sind immer noch da, aber sie dominieren sie nicht mehr.
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| Die letzten Monate des sterbenden Jahres gehören denen, die hier wohnen und arbeiten. Die Reichen sind noch nicht in ihre Zweit- oder Fünftwohnsitze in Florida, auf den Bahamas oder die Caymans geflohen. Die Mittelklasse bleibt solange in ihren Stadtwohnungen, bis sie sich von der nahenden Kombination aus Eis, Hagel und Matsch derart in ihrer Lebensqualität eingeschränkt fühlt, dass ihr der zeitweilige Umzug in ihre Landhäuser auf Long Island, Westchester und Upstate als einzige Überlebensmöglichkeit erscheint. Die Armen sind da, weil sie arm sind und nirgendwo anders hinkönnen.
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Mitte bis Ende Herbst ist eines der wenigen Zeitfenster, in denen sie sich alle über den Weg laufen. Für ein paar Wochen erzeugen sie die Illusion, dass New York noch immer die Stadt der Städte ist; eine, in der der Traum eines kosmopolitischen, klassenlosen Amerika kein Lippenbekenntnis darstellt, sondern gelebt wird.
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Die Idee zu dieser Kolumne entstand im Oktober vergangenen Jahres, während eines abendlichen Spaziergangs durch Flatbush, einer Nachbarschaft im Herzen von Brooklyn nahe dem Prospect Park. Der Grund des Besuchs an der Ostküste war eine Gedenkveranstaltung für einen meiner besten Freunde, der vor ein paar Jahren mit seiner Familie von Williamsburg hierher gezogen war. Der Krebs hatte ihn, einen vielfach ausgezeichneten Übersetzer, Autor und Ghostwriter Ende März vergangenen Jahres mit gerade mal 55 dahingerafft. Den Termin für sein Memorial hatte er sich noch selbst ausgesucht. Auch deshalb, weil er meine Wahrnehmung der Stadt in dieser Übergangszeit teilte und wollte, dass sie auch seine Freunde aus aller Welt erfahren.
Bis zuletzt hatte er in unseren oft stundenlangen Telefongesprächen darauf bestanden, dass ich das Schreiben nicht völlig bleiben lassen dürfe. Zu seinen Lebzeiten hatte mich das Argument nicht überzeugt, dass es nie zuvor so wichtig war, möglichst viele, möglichst individuelle Stimmen aus dem Ausland zu haben, die erklären, was die USA sind und was mit ihnen passiert. Nicht zuletzt, weil ich seit der Wiederwahl von Donald Trump glaubte, dass ich, was diese Themen angeht, nichts mehr zu lernen, geschweige denn zu sagen hatte.
Bis vergangenen Herbst war ich davon überzeugt, dass sich die Mehrheit der Amerikaner, die ein faschistisches System wollen, ungehindert durchsetzen würde; dass die normative Kraft des Trumpischen den Anfang einer neuen Unordnung im Inneren wie im Rest der Welt markiert. Eine von Gier, Chaos und so offen wie stolz zur Schau gestellte Dummheit und Ignoranz regierte Unordnung, in der selbst elementare Rechte und Gesetze außer Kraft gesetzt sind und in der allein das Recht des Stärkeren gilt. Auch wenn ich die Stichhaltigkeit des Arguments meines Freundes mittlerweile anerkenne – wie diese Zeilen belegen, tat der Zauber des herbstlichen Brooklyn, "unseres" New York rückblickend das seine – hat sich an dieser Überzeugung bis heute nichts geändert.
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Heute – ein Jahr, nachdem der Präsident das zweite Mal seinen Amtseid ablegte – sind die Belege dafür schlicht zu überwältigend und zu eindeutig. Von ICE und Grenzschutz als Spektakel vermarktete, bisweilen tödlich endende Menschenhatzen in den Städten; die systematische Korrumpierung der Justiz und ihrer Vollzugsorgane; die fortschreitende Gleichschaltung und Unterwanderung der letzten klassischen Massenmedien mit handverlesenen Statthaltern; die Unterwerfung und Kontrolle der Tech-Oligarchie, die im Tausch für Schutzgeld Immunität für ihr bisweilen unverhüllt menschenverachtendes Treiben genießt.
Grönland, Dänemark, die Ukraine, die EU, die NATO, die UN-Organisationen: Feinde. Auf der anderen Seite: offene Unterstützung für deutsche Neonazis, britische Rechtsradikale, französische und israelische Faschisten und Verständnis für die Positionen der totalitären Diktaturen in Moskau und Peking, die direkt für das Leiden von Abermillionen Menschen verantwortlich sind. Quasi zum Drüberstreuen der Fall Venezuela, eine Rückkehr zur Kolonialpolitik vergangener Jahrhunderte, wie sie Cecil Rhodes nicht besser hätte argumentieren und exekutieren können.
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Das Einzige, was der Vollendung des Projekts MAGA nach einem Jahr in der Bilanz gegenübersteht, sind ein paar lokale, angesichts des großen Ganzen vernachlässigbare Wahlerfolge für die Opposition im Kongress und Umfragen, die dem Führer schwindende Popularität bescheinigen. Die Neigung, das als Zeichen des langfristigen Scheiterns derer zu interpretieren, die Amerikas Weg in die Diktatur vollenden wollen, scheint angesichts der Fakten absurd.
Tatsächlich sind all die Rahmenbedingungen, die diese Leute an die Macht gebracht haben, nicht nur intakt, sondern gedeihen prächtig: Die das Regime stützenden Monopolisten, die sich so ironie- wie schmerzbefreit als fortschrittsgläubige Kapitalisten und Philanthropen ausgeben. Die obere Mittelschicht, ohne deren grenzenlose Gier und Dekadenz die amerikanische Volkswirtschaft längst zusammengebrochen wäre. Die von einer überschaubaren, aber historisch enorm effektiven, erzkonservativen Minderheit innerhalb der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite des Landes, die ihr Geld und ihren Einfluss seit Jahrzehnten dafür einsetzt, den Massen systematisch den Hass auf alles einzubläuen, was letzteren auf den ersten Blick fremd erscheint. Und nicht zuletzt die Komplizenschaft all derer – darunter auch Teile der Demokraten –, die sich in ihrer Selbstgerechtigkeit auf der "richtigen Seite der Geschichte" wähnen, während sie mit ihrer Unfähigkeit, dem Autoritarismus amerikanischer Ausprägung auf Augenhöhe zu begegnen, diesem nur weiter den Weg ebnen.
All dem entsprechend werden sich die Themen, die in diesem Newsletter fortan monatlich verhandelt werden, nicht so sehr Fragen widmen, ob Trump und seine Gefolgsleute diesen Weg weitergehen, sondern wie weit sie dabei kommen werden.
Ihr Klaus Stimeder
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