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| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
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| Offene Aufrufe zum Begehen von Kriegsverbrechen im Iran. Verbale Spuckattacken auf Verbündete auf einer Social-Media-Plattform, deren Dichte an Sykophanten, Grenzdebilen und Psychopathen selbst die des Möchtegern-Marsianers aus Pretoria in den Schatten stellt. So schmerz- wie sinnbefreite Kommentare zur Lage der Nation wie zur der des Rests des Planeten im Funk und im Fernsehen.
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| Das Schauspiel, das der senile Ex-Reality-TV-Star und nunmehrige Führer der bedeutendsten globalen Ordnungsmacht des vergangenen und gegenwärtigen Jahrhunderts dieser Tage bietet, als erbärmlich zu beschreiben, darf angesichts der normativen Kraft des Trumpischen getrost in der Kategorie „Mutter aller Understatements“ verbucht werden. Auch wenn das seit Beginn des Iran-Kriegs vom US-Regierungsapparat verordnete mediale Propaganda-Flächenbombardement da und dort Wirkung zeigt.
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Für viele Amerikaner, die Fox News für einen Nachrichtensender, Joe Rogan für intelligent und Republikaner für Patrioten halten, erweist sich selbst der Realitätsschock, der sie dieser Tage an der Tankstelle überfällt, noch immer nicht als stark genug, um den Glauben an den Führer und seine Steigbügelhalter nachhaltig zu erschüttern.
Was mutmaßlich allem voran mit einem zu tun hat: jener extremen Form von Insularität, die sie nicht nur vor schwer zu entziffernden Buchstabenkombinationen im Alltag abschirmt, sondern auch vor den Schrecken, die der amerikanisch-israelische Angriffskrieg im Rest der Welt zeitigt. Die Verantwortung für das Gedeihen dieses dummdreisten Provinzialismus trägt indes weniger die derzeitige Administration als die eines anderen, ehemaligen Präsidenten. Einem, der bis zur Wahl von Donald Trump – der nachweislich der mit Abstand korruptesten Administration in der 250-jährigen Landesgeschichte vorsteht – als Synonym für Machtmissbrauch im Weißen Haus galt.
Im Sommer 1973 schafften die USA unter Richard Nixon die allgemeine Wehrpflicht ab. Seitdem bestehen die sechs Abteilungen der amerikanischen Streitkräfte (Army, Navy, Marines, Air Force, Space Force, Coast Guard) aus Berufssoldaten. Heute sind es rund 1,3 Millionen. Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet sind das nur vier Soldaten pro tausend Einwohner. Trotzdem bilden sie zusammen – dreimal so große Länder wie China hin, Indien her – die mit Abstand bestausgerüstete und mächtigste Armee der Welt; und dank astronomisch hoher Verteidigungsbudgets, die historisch von Demokraten wie Republikanern weitgehend widerspruchslos durchgewunken wurden und werden, dürfte das auch auf absehbare Zeit so bleiben.
Für die Politik hat das Berufssoldatenmodell praktisch nur Vorteile. Die großzügige Ausstattung der Angehörigen der Streitkräfte mit monetären, rechtlichen und gesellschaftlichen Privilegien garantiert, dass Mindestgrenzen bei der Rekrutierung nie dauerhaft unterschritten werden. Der Kult, der um sie gemacht wird – die Symbiose von Hollywood und dem Pentagon bildet seit den 1930er-Jahren eine bisweilen grotesk effektive Achse – erhebt sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, verlässlich in den Rang von Heldinnen und Helden. Während Kritik an ihrer zivilen Führung (noch) erlaubt ist, gelten aktive wie ehemalige Soldatinnen und Soldaten als de facto unantastbar. Was für einen Typ Soldat und Veteran diese Kultur indes zeitigt, offenbart sich – ganz abgesehen von einer stattlichen Zahl an Kriegsverbrechern und Kriminellen, die von Trump begnadigt wurden – erst seit seiner Wiederwahl in vollem Ausmaß.
Selbst wenn sich der Wehrdienst-Drückeberger vor Tausende von ihnen stellt, die ihm enthusiastisch zujubeln – so wie im vergangenen Sommer in Fort Bragg in North Carolina, das als größte Army-Kaserne des Landes repräsentativen Charakter genießt – würde es die professionelle amerikanische Kommentatorenklasse nie wagen, die Urteilskraft und Eignung dieser Frauen und Männer für den Dienst an der Waffe in Zweifel zu ziehen: die Uniform als Zauberkleid, das ihnen genau jene „allumfassende Immunität" verleiht, die Trumps politischer Chefstratege Stephen Miller jüngst öffentlich den Agenten der Abschiebebehörde ICE zusicherte. Die Tatsache, dass sie von Leuten übergestreift wird, die zu über zwei Dritteln weiß sind und damit statistisch gesehen eine Gruppe repräsentieren, die in überwältigendem Ausmaß Trump unterstützt? Geschenkt.
Es ist genau diese Kerbe, in die der vormalige Verteidigungs- und jetzige „Kriegsminister" Pete Hegseth regelmäßig mit seinen so brachialen wie primitiven Tiraden schlägt. Kein Zufall: Wie kein anderes Mitglied der Trump-Administration verkörpert der Ex-Fernsehkommentator und bekennende christliche Fundamentalist die wachsende Symbiose zwischen Militarismus und Faschismus made in USA.
Für die Rolle so perfekt wie repräsentativ macht Hegseth seine Vergangenheit als Army-Veteran. Der 45-Jährige schied nach rund zwei Jahrzehnten mit dem Rang eines Majors aus und bekam während seiner Dienstzeit, die er unter anderem im Irak und in Afghanistan absolvierte, eine Handvoll Orden auf die Brust geheftet. Eine Frontlinie kennt er indes bis heute nur aus dem Fernsehen. Das einzige Mal, als sich Hegseth in einer brenzligen Kampfhandlung wiederfand – er arbeitete größtenteils als Ausbildner – war, als aufständische Iraker Ende der Nullerjahre eine Granate auf seinen Konvoi feuerten, die sich als Blindgänger erwies.
Von den Trumpisten wird er nichtsdestotrotz als „Experienced Combat Hero“ verkauft. Zum Vergleich: Allein in der Ukraine gibt es nach rund fünf Jahren Krieg zehntausende Säuglinge und Kinder, die genau das gleiche – größtenteils weit schlimmeres – durchgemacht haben und durchmachen. Entsprechend mutmaßen mittlerweile selbst verlässlich republikanisch wählende Soldaten über den wahren Grund für Hegseths breit dokumentierten Alkoholismus. Tenor: Wer bei jeder Gelegenheit derart geballten, ultrapatriotisch verbrämten Schwachsinn verzapft wie er und de facto keine Ahnung hat, was Krieg wirklich bedeutet, muss diesen Widerspruch irgendwie kompensieren.
Nicht, dass Hegseth mit seinen so überschaubaren wie vergleichsweise harmlosen Erfahrungen in Kampfzonen eine Ausnahme bildet – was den repräsentativen Charakter seiner Person freilich nur noch zusätzlich verstärkt. Wie öffentlich zugängliche Daten belegen, finden sich im Schnitt nur zwischen zehn und 15 Prozent der Angehörigen des US-Militärs während ihres Dienstes in Kämpfen wieder. Die überwältigende Mehrheit ist einzig dazu da, jene Minderheit technologisch und logistisch zu unterstützen, der buchstäblich die Kugeln um die Ohren fliegen.
In der Wahrnehmung der Gesamtbevölkerung ist es am Ende genau diese Kombination aus mangelnder Verankerung des Militärs in der Gesellschaft, dem grenzenlosen Heroismus-Kult, der sie kompensiert, sowie der Verkennung der Realitäten auf den globalen Schlachtfeldern, die den Konflikt mit dem Iran noch ferner erscheinen lässt, als er geografisch ist.
Gefühlt noch schlimmer stellt sich die Situation angesichts der historischen Rolle amerikanischer Soldaten in Europa im Besonderen dar. Es waren in erster Linie sie, die den Kontinent vor den Nazis befreiten und die sowjetische Diktatur in die Schranken wiesen. Heute werden die Leute, die die Uniform der USA tragen, von ihrer eigenen Regierung systematisch zu Statisten in einer politischen Schmierenkomödie degradiert, in der rechtskräftig verurteilte Verbrecher, Rassisten und Alkoholiker die Regie führen. Ein tragisches Schicksal – aber eben auch eines, zu dem die meisten von ihnen selbst in einem Ausmaß beigetragen haben und weiter beitragen, dass jegliches Mitleid mit ihnen fast unmöglich macht.
Ihr Klaus Stimeder
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