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Was dagegen mittel- bis langfristig einen Unterschied machen dürfte, ist der Faktor „künstliche Intelligenz“ in Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Dadurch, dass OpenAI, die Väter von ChatGPT, gerade den österreichischen Entwickler Peter Steinberger angeheuert haben, hat das Thema auch hierzulande ein erfreuliches Aufmerksamkeitsfenster bekommen. Steinberger glaubt auf die Frage der ZiB2, dass in den nächsten Jahren irgendwo zwischen zehn und 90 Prozent der Bürojobs automatisiert werden können.
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Das ist eine ziemlich weite Bandbreite. Aber auch, wenn es über Umfang und Ausmaß der Anwendungsgebiete durchaus Spekulationsraum gibt – ich kann das anhand unserer eigenen Branche ganz gut beobachten –, kann man festhalten: Dass es durch die LLM-Technologie und die darauf aufbauenden Applikationen auf Sicht zu beträchtlichen Produktivitätsgewinnen und dem damit einhergehenden Wegfall von Jobs kommen dürfte, bestreitet inzwischen kaum noch jemand, der sich damit auskennt. 

Das ist zunächst einmal keine Entwicklung, vor der man Angst haben muss, sondern ein ganz normaler Fortschrittsprozess, wie es ihn seit der industriellen Revolution x-mal gegeben hat. Ich habe ein Beispiel schon einige Male erzählt: Mein Großvater mütterlicherseits, Jg. 1894, war Hufschmied, damals ein zentrales Element jeder Wertschöpfungskette, in jeder Ortschaft gab es damals eine ganze Reihe von Hufschmieden. Der technische und wirtschaftliche Fortschritt in Form massengefertigter, günstiger Kraftfahrzeuge hat diesem Beruf mit Ausnahme weniger Nischen praktisch komplett den Garaus gemacht. 

Solche Beispiele waren für die Betroffenen in dem Moment natürlich unangenehm. Aber Industrialisierung, Automatisierung und Digitalisierung haben gesamtgesellschaftlich so viel Wohlstand geschaffen, dass nicht nur der Lebenskomfort heute unendlich viel höher ist als je zuvor in der Geschichte – es hat sich auch herausgestellt, dass uns die Arbeit allem Fortschritt zum Trotz nicht ausgegangen ist. 

Nach menschlichem Ermessen wird das auch bei der „KI-Revolution“ so sein. (Ob dieser Prozess eine eigene Umwälzung ist oder nur eine logische Fortsetzung der Digitalisierung, können wir getrost den Historikern überlassen.) Der Unterschied zu früheren Veränderungen liegt in der Geschwindigkeit des Fortschritts: Kaum eine Woche vergeht, in der Experten nicht die Möglichkeiten neuer Modelle analysieren – wie schnell die Vorreiter auf dem Sektor beispielsweise das Programmieren vereinfacht haben, ist beeindruckend.

Auch wenn Bandbreite und Ausmaß jener Dienstleistungen, die da automatisiert werden könnten, derzeit noch nicht absehbar sind: Regierungen wären klug, sich darauf einzustellen, was kommen könnte. Das betrifft drei Felder unterschiedlicher Komplexität.

Am einfachsten wird es erstens sein, die öffentliche Verwaltung darauf einzuschwören, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, um selbst von den Produktivitätsmöglichkeiten zu profitieren. Gerade bürokratische, standardisierte Prozesse – Förderansuchen, Steuererklärungen usw. – haben sehr gute Chancen, durch die analytischen Möglichkeiten neuer Anwendungen beschleunigt zu werden – unter menschlicher Aufsicht und Freigabeverantwortung, natürlich. Österreich, das lange ein Vorreiter bei der Digitalisierung der Verwaltung war, sollte hier an vorderster Front dabei sein. Es ist gut, dass sich die Regierung dazu bekannt hat – einige Pilotprojekte vorzuzeigen und Chancen und Risken öffentlich zu diskutieren, wäre kein Fehler.

Zweitens muss die Politik Vorkehrungen für einen beträchtlichen Wandel am Arbeitsmarkt treffen. Selbst wenn wir bei den Bürojobs am unteren Ende von Steinbergers Prognose (zehn Prozent fallen weg) landen würden, sprechen wir da von hunderttausenden Jobs, die wegfallen könnten. Das wäre eine große Chance, die Lücken zu füllen, die sich demografisch und ausbildungstechnisch anderswo längst auftun. Den Jobwechsel zu erleichtern – vielleicht sogar das gildenartige System der Befähigungsprüfungen einmal grundsätzlich zu prüfen – und entsprechende Umschulungsschienen aufzusetzen, wäre ein lohnender Ansatz.

Sollten wir uns dagegen am anderen Ende der Skala wiederfinden und ein sehr großer Teil der Jobs im Dienstleistungsbereich wegfallen, werden wir als Staat nicht umhinkommen, das Steuersystem grundsätzlich umzubauen. Derzeit kommt mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen (2024 rund 131 von 241 Milliarden Euro) aus Steuern und Abgaben auf Arbeit. Wenn ein großer Teil der Jobs durch weitere Automatisierung wegfallen sollte, wird man sich überlegen müssen, wie man den Wegfall kompensiert oder Ausgaben einspart. (Ein gewisser Kern hatte z. B. einmal die Idee einer „Wertschöpfungsabgabe“, aber wir wollen ja nicht über die SPÖ reden heute.) 

Das wird nicht von heute auf morgen passieren – aber die Möglichkeit eines schnellen, signifikanten Wandels der Erwerbswelt ist in den vergangenen Jahren deutlich realistischer geworden. Die Politik sollte darauf vorbereitet sein und Lösungen zumindest in der Schublade haben, falls sich das tatsächlich manifestiert.

Herzlich,
Ihr Georg Renner

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