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| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
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| Roland Weißmann ist nicht mehr ORF-Generaldirektor. Am Sonntag hat er sein Amt zurückgelegt, nachdem eine Mitarbeiterin Vorwürfe erhoben hatte. Weißmann bestreitet die Anschuldigungen, sein Anwalt spricht von einer „überschießenden Reaktion"; Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer sagt, es gebe „Schrift-, Ton- und Bildmaterial", das sie stütze. Hörfunkdirektorin Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch.
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| In diesem Fall sind noch viele Fragen offen. Was Institutionalisten wie mich nun beschäftigt: was jetzt mit dem ORF passiert – und wie professionell es ablaufen wird.
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Denn seien wir ehrlich: So überraschend der Anlass war, so wenig überraschend werden die nächsten Schritte zur Bestellung von Weißmanns Nachfolger Anfang 2027 sein. Weißmanns Wiederwahl war bis Sonntag recht wahrscheinlich gewesen – gestützt nicht zuletzt auf einen Sideletter, in dem ÖVP und SPÖ sich die ORF-Direktorenposten aufgeteilt hatten: die ÖVP den General plus Finanzen und Technik, die SPÖ Radio und Programm. Das ist die Art und Weise, wie in Österreich seit Jahrzehnten über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfügt wird – von Parteien, in Hinterzimmern, in „Freundeskreisen", die sich nur deshalb so nennen, weil „Fraktionen" dann doch ein bisserl zu ehrlich wäre.
Weißmanns Rücktritt, so unangenehm die Ursache sein mag, ist, aus Sicht des ORF und seiner vier Millionen beitragszahlenden Haushalte, eine Chance. Die Chance, den nächsten Generaldirektor oder die nächste Generaldirektorin einmal nicht nach parteipolitischer Zugehörigkeit zu bestellen, sondern danach, wer die besten Ideen für die Zukunft des größten Medienhauses im Land hat. Ein Unternehmen, das gerade 325 Millionen Euro einsparen muss, weil die Haushaltsabgabe bis 2029 eingefroren bleibt. Und das mitten in einer digitalen Transformation steckt.
Nur lassen die ersten Reaktionen aus der Politik leider Böses erahnen. Medienminister Andreas Babler hat sich wenige Stunden nach Weißmanns Rücktritt beeilt, sich eine Generaldirektorin zu wünschen – dem ORF und der Gesellschaft „täte es gut", wenn eine Frau käme. Mit Verlaub: Der Vizekanzler und besonders der Medienminister haben dem ORF da gar nichts auszurichten.
Was stattdessen zu tun wäre, erstens: Die Politik sollte sich schlicht und einfach raushalten. Nicht der Medienminister bestellt den Generaldirektor, sondern der Stiftungsrat. Dass ein Vizekanzler das Geschlecht der Nachfolge zur wichtigsten Frage erklärt, ist symptomatisch für den Zugriff, den die Parteien auf den ORF für selbstverständlich halten – nicht, weil die Frage nach Frauen in Führungspositionen unwichtig wäre, sondern weil der Minister nicht derjenige sein sollte, der sie für den ORF beantwortet.
Zweitens: Der Stiftungsrat sollte das Bestellungsverfahren als das nutzen, was es eigentlich sein sollte: eine offene Bewerbung um die besten Ideen für den österreichischen Rundfunk. Nicht: Wer hat die besten Kontakte zu welchem Freundeskreis. Sondern: Wer hat ein überzeugendes Konzept dafür, wie der ORF in Zeiten von Streaming, KI und umstritteneren Geschäftsmodellen seinen Auftrag erfüllen kann – im Idealfall im Verbund mit anderen heimischen Medien. Ein transparentes Hearing, öffentlich zugängliche Konzepte, eine nachvollziehbare Entscheidung abseits Parteidisziplin – das sollte das Mindeste sein. Dass jetzt in informierten Kreisen bereits Namen für den nächsten General zirkulieren, sollte ein Alarmsignal sein: Wer soll sich die aufwendige Bewerbung antun, wenn im Hintergrund ohnehin längst Koalitionskandidaten auf ihren Moment lauern?
Und drittens, die strukturelle Frage: Die bisherigen schwarz-rot-pinken Novellen zum ORF (etwa die Korrektur des Stiftungsrats nach einem Auftrag des VfGH) waren ein Anfang – aber ein zaghafter. Solange das Bestellungsverfahren über „Freundeskreise" läuft, die sich im Vorfeld auf Kandidaten einigen, bevor formal abgestimmt wird, bleibt der ORF im Wesentlichen parteipolitische Verhandlungsmasse. Spätestens bei der nächsten Generalswahl sollte hier ein neuer, abgesicherter Modus erarbeitet sein.
Die Versuchung wird groß sein, den Weißmann-Abgang still und schnell als normalen Personalwechsel abzuhaken und mit dem üblichen Proporz weiterzumachen. Vier Millionen Haushalte und neun Millionen Einwohner der Republik, für die der ORF alle wichtig ist und wichtiger werden wird, haben Besseres verdient als einen Freundeskreis, in dem sie nicht einmal vorkommen.
Herzlich,
Ihr Georg Renner
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