|
|
|
|
| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
|
| Die junge Frau im Kim-Kardashian-Look der mittleren Nullerjahre genießt die Scheinwerfer sichtlich. Betont langsam streicht sie sich durch ihr blauschwarz gefärbtes Haar, während sie mit der anderen Hand das Smartphone hebt und kontrolliert, ob das Licht die von einem gefühlten Kilo Botox zusammengehaltene Oberfläche, die einmal ihr Gesicht gewesen sein muss, so zur Geltung bringt, wie sie es möchte.
|
|
|
|
|
|
|
| Ihr Interviewer, ein rühriger Herr mit der Art von Glatze, Dreitagebart und farbenfrohen Schmuckstücken um Hals und Hände, die verraten, dass das mit dem Altwerden für viele nicht einfach ist, strahlt sie an. Und strahlt sie an. Und strahlt sie an. Solange, bis er merkt, dass dem rund sechzig Leute zählenden Publikum die peinliche Stille langsam, aber sicher zu viel wird. Er löst sich aus seiner Adulationsstarre und bittet seinen Gast, „das Geheimnis deines Erfolgs zu teilen“.
|
|
| Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren. Er erscheint einmal pro Monat.
|
|
Die Leistung der Frau, die sie auf diese Bühne gebracht hat, besteht darin, während der Coronapandemie ein Selbsthilfebuch mit einer Sammlung von Lebensweisheiten veröffentlicht zu haben; ihr Erfolg darin, dass sich viele ihrer abertausenden Follower auf Instagram das Buch gekauft haben. Jetzt teilt sie ihre Erkenntnisse mit einem Publikum, das zu mehr als zwei Dritteln aus Minderheiten besteht. Die meisten sind Afroamerikaner aus dem Süden und Mittleren Westen, viele Latinos, eine Handvoll Weiße und ein paar Ausländer. Die Altersgrenze nach unten liegt bei Anfang 20, die nach oben bei 50. Die Einsichten der Frau – sie selbst ist Mitte 20: „Glaube an dich selbst!“ „Vertraue deinem Bauchgefühl!“ „Geld ist nicht alles im Leben!“ Wer glaubt, dass derlei Binsenweisheiten heutzutage keine Wirkung mehr entfalten, täuscht sich, und zwar gewaltig. Wie sich zeigt, hängt der Saal ebenso an ihren Lippen wie ihr Gastgeber.
Wer glaubt, dass es schlimmer kaum kommen könne, wird in der Pause bis zum nächsten Event eines Besseren belehrt – von denen, die das Publikum bilden. In den Unterhaltungen mit diesen Leuten offenbart sich, wo man hier gelandet ist. Die einen diskutieren mit ernster Miene darüber, wie immens der Aufwand gewesen sein muss, die Mondlandung zu faken. Die anderen darob, wie froh sie sind, dass niemand prüft, ob sie sich den „Gates-Chip“ haben implantieren lassen oder nicht. Die Ausländer – fast alle aus Afrika, von denen manche, wie sich herausstellt, in ihren Heimatländern seit Jahrzehnten als politische Fußsoldaten für autoritäre Regime gedient haben – tauschen sich mit in den Golfstaaten lebenden Amerikanern über die These aus, ob beziehungsweise wann Jesus endlich auf die Erde zurückkehrt. Wie später klar wird, leitet eine von den Letzteren mehrere von prominenten Scheichs gesponserte Privatschulen und -universitäten am Golf, die regelmäßig wegen rassistischer und diskriminierender Arbeitspraktiken ins Visier der lokalen Behörden geraten.
Wer glaubt, dass es sich bei den beschriebenen Szenen um ein Treffen von Verschwörungstheoretikern, militanten Impfgegnern oder anderen mit psychischen Belastungen kämpfenden Menschen handelt, hat nicht nur weit gefehlt; er oder sie versteht schlicht nicht, welche Art von Leuten heute einen großen Teil der USA ausmacht. Worum es sich hier handelt, ist das Treffen einer Gruppe von – auf dem Papier – akademisch hoch gebildeten und deshalb zu einem Doktoratsstudium zugelassenen Studenten, die an der zur Privatuniversität Pepperdine gehörenden „Graduate School of Education and Psychology“ (GSEP) immatrikuliert sind.
Ein teures Unterfangen. Für ihren Lehrgang, an dessen Ende ein national anerkannter PhD steht, zahlen diese Leute, je nach Länge ihres Studiums, bis zu 300.000 Dollar. Nachdem sich das nur die wenigsten leisten können, leihen sich viele das Geld vom amerikanischen Steuerzahler, per Studentenkredit und zu vergleichsweise günstigen Konditionen. Was insofern Sinn machen würde, wenn die Qualität der Ausbildung den in den Broschüren von Institutionen wie der GSEP – die praktisch in jedem Bundesstaat mindestens ein Äquivalent hat – versprochenen „hohen akademischen Standards“ entsprechen würde. In der Praxis werden diese freilich den Standards der zahlenden Klientel angepasst.
Um nur ein paar der augenscheinlichsten Belege zu nennen: Die GSEP beschäftigt Professoren, die „akademische“ Arbeiten anpreisen, die bei näherem Hinsehen von Fake-Absolventen von Fake-Universitäten stammen, die ihre „Zertifikation“ wiederum von Fake-Institutionen erhalten haben; Vortragende, die die „großartigen Taten“ der saudischen Diktatur von Mohammed bin Salman wörtlich als „visionär und zum Träumen einladend“ anpreisen; Leute, deren – in der Regel an Privatunis ähnlicher Provenienz erworbene – „akademische“ Titel nicht außerhalb des Bundesstaats Delaware anerkannt werden und die ihre Klassenzeit nutzen, um ihren Studenten – die das alles widerspruchslos hinnehmen, weil sie es für normal halten – nahezulegen, dass es ihre Chance auf eine gute Note verbessert, wenn sie die musikalischen Ergüsse der einen oder den Gedichtband ihrer anderen Tochter auf Amazon kaufen.
So drastisch wie objektiv ausgedrückt – sprich, untermauert nicht nur von am eigenen Leib erfahrenen Anekdoten wie den beschriebenen, sondern von empirisch belegten Daten, die von unabhängigen Institutionen in und außerhalb des Landes erhoben werden – könnte sich die Situation 2026 nicht eindeutiger darstellen. Amerika verblödet seit mehr als einem Jahrzehnt auf einem Niveau und mit einer Geschwindigkeit, die selbst den letzten prinzipiell mit dem Land sympathisierenden Außenstehenden den Atem raubt. Andreas Schleicher, der bei der OECD die Abteilung für Bildung und berufliche Fertigkeiten leitet, fasste es in einem Gespräch mit der Financial Times Ende vergangenen Jahres so zusammen: „So schwer es fällt, sich das vorzustellen: Tatsache ist, dass heute jeder dritte erwachsene Amerikaner Probleme hat, selbst die einfachsten Dinge zu lesen.“ Wie jeder weiß, der hier seit langer Zeit lebt und seine Augen zum Sehen und seine Ohren zum Hören benutzt, stellen Fakten wie diese indes nur die Spitze des Eisbergs dar.
Weil die Bildungskrise in den USA mittlerweile derart groß ist, dass sie sich nicht einmal mehr von den mehrheitlich im Besitz der Oligarchen befindlichen Massenmedien ignorieren lässt – ausnahmslos weiße, männliche Oligarchen, die in der Regel Produkte von Eliteunis sind – vergeht heute keine Woche mehr, in der nicht neue Schlagzeilen über den Zusammenbruch des Schul- und Hochschulsystems die Runde machen. Die Belege dafür häufen sich längst im Stakkato: College-Neulinge, die an Mathematikproblemen für Zwölfjährige scheitern. Teenager, die nicht einmal Kinderbücher lesen, geschweige denn deren Inhalt verstehen können. High-School-Absolventen, die schriftlich keinen geraden Satz zustande bringen. Master- und Doktoratsstudenten, die noch nie in ihrem Leben ein Buch gelesen haben. Et cetera, et cetera.
Das Magazin The Atlantic schaffte es als eines der wenigen Medien, das Dilemma in eine Schlagzeile zu packen. Sukkus der dazugehörigen Geschichte: In seinem derzeitigen Zustand stelle das amerikanische Bildungssystem ein „Rezept für eine Idiokratie“ dar – das Fundament einer nicht nur postfaktischen, sondern einer Gesellschaft, in der funktionale und absolute Analphabeten schon bald die breite Mehrheit der Bevölkerung bilden werden.
So vielfältig die Ursachen der Krise sein mögen, sind sie indes nicht wirklich schwer zu identifizieren. Sie reichen von der wissenschaftlich längst endlos widerlegten Illusion, dass der Einsatz von Technologie in jedweder Form Kindern bei ihrer Entwicklung hilft, über den ganz normalen Social-Media- und AI-Desinformationsterror bis hin zu so wohlmeinenden wie ignoranten Fortschrittsgläubigen, die in ihrem blinden Drang, historisch benachteiligten Minderheiten mehr Bildungschancen zu eröffnen, danach trachten, auch noch die letzten verbliebenen akademischen Mindeststandards zu pulverisieren – ohne zu merken, dass sie damit genau denen am meisten schaden, denen sie vorgeblich helfen wollen.
Weil der politische Wille, dem Irrsinn Einhalt zu gebieten, auf beiden Seiten nur in Spurenelementen vorhanden ist – nicht zuletzt, weil nahezu jeder auf nationaler Ebene tätige US-Politiker am Geldtropf von Silicon Valley und der milliardenschweren Privatschulindustrie hängt – geht die Aussicht auf Besserung freilich Richtung null.
Entsprechend verheerend zeigen sich mittlerweile die Auswirkungen sogar auf die Alltagskultur, die gegen die systematische Massenverdummung lange Zeit relativ immun war. Offen zur Schau gestellte Dummheit und Ignoranz wird in den USA 2026 nicht nur toleriert, sondern gefeiert. Ein „guter Amerikaner“ schämt sich heute nicht mehr seines Analphabetismus, sondern wird, teils von ganz oben, ermutigt, stolz darauf zu sein. Wenn ein Kind von zehn Jahren nicht zwei und zwei zusammenzählen kann, ist das entsprechend nicht mehr seine Schuld oder die seiner Frau oder seines Manns, sondern die des (in vielen Bundesstaaten massiv unterbezahlten) Lehrers oder „der Demokraten“.
Während der langfristige Niedergang der USA als Bildungshochburg angesichts all dessen unaufhaltbar scheint – weil die mittlere Ebene des Systems verkommt, werden auch die Lücken an der Spitze immer größer und längst von Unis in Peking, Shanghai, Hongkong oder anderswo in Asien geschlossen – zeigt sich die Lage für den Rest der Welt derweil kurzfristig noch bedrohlicher. Wie die Beispiele von Pepperdine und seinesgleichen beweisen, marschiert längst eine schmale Schicht formal gebildeter Amerikaner im Gleichschritt Richtung formvollendete Idiokratie, die die vielleicht gefährlichste von allen darstellt: Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und „America First“-Chauvinisten, die auf Steuerzahlerkosten ihre Aluhüte mit Doktorhüten verzieren. Der Name des Doktoratslehrgang, den sie absolvieren: „Global Leadership“.
Ihr Klaus Stimeder
|
|
|
|
© Satzbau Verlags GmbH
|
|
|
|
|