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| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
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Kennen Sie die alte Looney-Tunes-Serie mit dem Road Runner und dem Kojoten? Letzteren ereilt darin öfter das Schicksal, dass er so versessen auf seine Beute ist, dass er sie über eine Klippe hinweg verfolgt – und dann noch ein paar Sekunden in der Luft weiterläuft, bevor er, nach einem ominösen Blick nach unten abstürzt.
In Österreich habe ich in diesen Frühlingstagen (endlich!) ein bisschen das Gefühl, dass wir uns auch gerade in dieser Situation befinden. Alles läuft noch weiter, aber nur mehr über Luft. Weil Tanker aus den erdölreichen Regionen des Mittleren Ostens noch in europäischen Häfen anlegen, aber die Lücke näher rückt, die der US-israelische Krieg im Iran in unsere Versorgungsketten gerissen hat.
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| Im Mai wird es knapp, haben Bundeskanzler Christian Stocker und Energieminister Wolfgang Hattmansdorfer vergangene Woche en passant während ihres Indienbesuchs angekündigt: Gut fünf Prozent des Dieselbedarfs der Republik könnten dann fehlen – aber keine Panik – die Reserven würden ausreichen, um den Mangel abzudecken.
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Ich bewundere einerseits, dass in dieser Situation keine Panik ausbricht und unser schönes Land einfach so weitermacht wie bisher. Aber dass der amtierende Energieminister einfach so erklärt, dass die Energie halt knapp wird – und dass diese Information binnen weniger Stunden aus dem Aufmerksamkeitsfenster der Österreicherinnen und Österreicher verschwunden ist, hat schon was von „nicht-wissen-wollen“ und auch noch in der Luft weiterlaufen wollen.
Vielleicht hat das damit zu tun, dass unsere Generation keine Erfahrung damit hat, was Knappheit bedeutet. Keine bewusste Erinnerung an Schlangen vor Tankstellen, leere Regale in Supermärkten oder ernsthafte staatliche Eingriffe, etwa Vorschriften, wer wann womit fahren darf – und womit nicht.
Kann sein, dass diese Krise ungeschehen vorbeizieht; dass die Reserven reichen, sich Iran und die USA in den nächsten Tagen auf einen Frieden verständigen und das Öl bald wieder normal fließt. Aber es kann auch ganz anders kommen – und darauf sollte die Republik vorbereitet sein: hope for the best, expect the worst.
Erstens: Energieminister Hattmansdorfer sollte die Prognosen offenlegen, die ihn zu seiner Einschätzung in Indien geführt haben. Wenn Österreich tatsächlich auf eine Knappheit zusteuert, sollten die Bürgerinnen und Bürger darüber umfassend aufgeklärt sein und nicht nur nebenbei von Pressereisenden informiert werden. Dass die Rohstoffmärkte dynamisch sind und sich daher auch alles gut ausgehen könnte, sollte dem nicht entgegenstehen; die Regierung sollte die Bevölkerung auf das worst-case-Szenario vorbereiten.
Und damit, zweitens, auch darauf, wie sie auf eben dieses Szenario zu reagieren gedenkt. Wer einen Blick in das Energielenkungsgesetz wirft, das genau für den Fall einer Energiekrise gemacht worden ist, sieht, dass der Minister eine ganze Stange an Optionen hat, wie er auf so eine Knappheit reagieren kann. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass die Fachleute in Hattmansdorfers Ministerium bereits täglich Optionen ausarbeiten, die die Regierung im Ernstfall beschließen könnte (und nicht wie ihre Kollegen im Gesundheitsministerium von der Pandemie eiskalt erwischt werden wollen), sollten die Österreicherinnen und Österreicher diese Optionen auch kennen.
Zum Beispiel sollten wird offen darüber reden, wann der richtige Zeitpunkt ist, Energiesparen vom Stadium freundlicher Appelle in Richtung rechtliche Pflicht zu überführen. Gut, dass wir den Mangel mit strategischen Reserven überbrücken können – die OMV hat ja bereits beantragt, die Ölreserven anzuzapfen –, aber irgendwann sollten wir dafür sorgen, dass die auch möglichst lange halten. Ist es dafür noch zu früh? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Und was geschieht dann? Das sind Fragen, die die Regierung jetzt klären und beantworten müsste, statt die Öffentlichkeit erst dann zu informieren, wenn es so weit ist.
Drittens ist das alles ein Weckruf, sich unabhängiger zu machen von einer zunehmend ungeregelten Welt. Dazu gehört selbstverständlich der massive Ausbau von Erneuerbaren und des Stromnetzes – dass „landschaftliche“ Gründe noch immer als Ausrede herhalten, Windkraftprojekte zu verhindern, ist peinlich –, aber auch die Erschließung jener bescheidenen Bodenschätze, die wir in Europa und Österreich haben. Das ist nicht beliebt, aber angenehmer, als am Ende draufzukommen, dass der Boden unter den Füßen längst weg ist.
Herzlich,
Ihr Georg Renner
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