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| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
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| Als Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache 2018 den Plan vorgestellt haben, alle Schülerinnen und Schüler ab der 5. Schulstufe mit Laptops oder Tablets auszustatten, war ich davon recht angetan. Als das Ganze später unter der türkis-grünen Koalition dann tatsächlich umgesetzt wurde und seither 10-Jährige um ein paar Dutzend Euro mit iPads und anderen Devices ausgestattet werden, gab es überhaupt allseits Applaus.
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| Endlich würden Österreichs Schulen mit ihren verstaubten Informatiksälen im 21. Jahrhundert ankommen, und den Kindern würde die Möglichkeit gegeben, sich auf die notwendigen Skills der Zukunft einzustellen usw.
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Seither ist einiges passiert, nicht zuletzt die Bereicherung unserer Kultur durch „KI“-Textgeneratoren aller Art. Und die Republik hat sich – nunmehr in Gestalt der schwarz-rot-pinken Koalition – entschlossen, ab übernächstem Schuljahr die Geräte erst ab der sechsten Schulstufe auszuteilen.
Wir sollten uns nicht vormachen, dass das primär pädagogische Gründe hat; Finanzminister Markus Marterbauer hat allen Ministerien Sparvorgaben gemacht, und Bildungsminister Christoph Wiederkehr hat diesen Weg gewählt, um relativ schnell einen zweistelligen Millionenbetrag zusammenzubringen.
Jetzt mag die Art und Weise, wie die Koalition zu dieser Entscheidung gekommen ist, die falsche sein. Aber bei Licht betrachtet ist die Entscheidung selbst wahrscheinlich nicht nur richtig, sondern geht vielleicht noch nicht einmal weit genug.
Werfen wir dazu als Erstes einen Blick nach Norden. Schweden hat fünfzehn Jahre lang als Vorzeigeschüler der Klassenzimmer-Digitalisierung gegolten: Schon 2009 verschwanden in vielen Klassen die gedruckten Bücher zugunsten von Laptops und Tablets, 2019 wurde die Tablet-Nutzung sogar in den Vorschullehrplan geschrieben. Heute rudert das Land zurück – unter dem hübschen Slogan „från skärm till pärm“, vom Bildschirm zum Buch, und mit gut hundert Millionen Euro, die in den Wiederankauf gedruckter Lehrwerke fließen. Der Grund ist simpel: Das Leseverständnis der Kinder hatte unter dem Dauerblick auf den Screen messbar gelitten. Niemand in Stockholm will die Digitalisierung abschaffen; man hat nur erkannt, dass das Gerät ein Werkzeug sein sollte – und nicht das Fundament des Bildungswesens.
Das deckt sich, zweitens mit dem, was man von österreichischen Lehrerinnen und Eltern hört, seit die Geräte in den Volksschulklassen gelandet sind: dass die Aufmerksamkeit der Kinder leidet, weil das gesamte, wunder- wie furchtbare Internet halt immer nur einen Swipe von den drögen Schulaufgaben entfernt ist.
Anekdotisch, zugegeben – aber auch das Bildungsministerium beruft sich bei seiner Entscheidung auf internationale Studien, wonach Schülerinnen und Schüler rund 40 Prozent der Unterrichtszeit am Gerät mit Spielen, Social Media und ähnlich Unterrichtsfernem verbringen.
Es passt auch nur bedingt mit einer anderen Maßnahme der Koalition zusammen. Mit 1. Mai des Vorjahres hat Wiederkehr ein bundesweites Handyverbot bis zur achten Schulstufe verordnet, mit der (vollkommen richtigen) Begründung, dass die „kleinen Sucht-Maschinen“ im konzentrierten Unterricht schlicht nicht integrierbar sind. Man verbannt also das Smartphone aus der Klasse, während man den Kindern anschließend ein Gerät in die Hand drückt, das dieselben Verlockungen bereithält, nur in größer.
Dazu kommt – und nennen Sie mich gern konservativ, ich bin das gern – die ziemlich naheliegende Vermutung, dass das mühsame, mechanische Ausformulieren eines Problems und seiner Lösung mit der Hand, auf Papier, fürs Lernen schwer zu ersetzen ist. Wer einen Gedanken niederschreibt, muss ihn zuerst einmal ordnen; wer ihn ordnet, behält ihn.
Und es ist drittens seit der jüngsten Bereicherung unserer Kultur durch KI-Textgeneratoren ein größeres Problem denn je zuvor: Auf einem digitalen Endgerät ist die Versuchung, statt selbst nachzudenken, einfach das „Helferlein“ (Claude, ChatGPT, das Meta-Ding oder die nette Mistral-Katze) zu fragen, nur einen Klick entfernt. Was beim mündigen Erwachsenen im besten Fall ein Produktivitätswerkzeug sein kann, kann beim Zehnjährigen das Lernen ersetzen, bevor es überhaupt stattgefunden hat – und genau die Fähigkeit, ohne Hilfsmittel zu denken, lässt sich später nicht mehr nachholen.
All das trifft Kinder höchst ungleich. Wie gut ein Gerät im Unterricht eingesetzt wird, schwankt massiv von Lehrkraft zu Lehrkraft. Und während die einen Eltern zu Hause genau wissen, wie man Ablenkung am Tablet eindämmt, Bildschirmzeiten setzt und Apps sperrt, können oder wollen andere das nicht. Ein Programm, das einst ausdrücklich der Chancengleichheit dienen sollte, droht so, das Gegenteil zu bewirken.
Damit kein Missverständnis entsteht: Klar, Kinder auf eine durch und durch digitale Welt vorzubereiten, ist genauso Pflicht der Schule wie sie vor deren Nebenwirkungen zu schützen – die Frage ist jeweils, ab wann und wie. Und der praktische Nutzen ist real: Wer schon einmal einem Volksschulkind beim Schleppen einer Schultasche zugesehen oder um 7:33 ein „ich hab mein Buch zu Hause vergessen“ gehört hat, weiß, dass ein Gerät, auf dem alle Materialien jederzeit verfügbar sind, durchaus etwas für sich hat.
Genau deshalb wäre es zu billig, die Verschiebung als reine Sparmaßnahme abzutun. Bis das Gesetz im Herbst ins Parlament kommt, sollte sich die Koalition mit jenen zusammensetzen, die es täglich angeht: mit Lehrern, Pädagoginnen, Schüler- und Elternvertretern. Vielleicht gehören die Geräte noch weiter nach hinten, in die siebte oder achte Schulstufe, wenn die Grundlagen sitzen. Vielleicht braucht es eine einheitliche, zentrale und damit günstigere Beschaffung für ganz Österreich – und dann lieber einen Laptop, ein Arbeitsgerät zum Schreiben und Recherchieren, als ein Tablet, das vor allem zum Konsumieren einlädt.
Herzlich,
Ihr Georg Renner
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