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| Liebe Leserinnen, liebe Leser!
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Ja, Kinder zu beschützen, zu ernähren, zu erziehen und alles, was wir sonst noch so unter dem eher freudlosen Begriff „Kinderbetreuung“ zusammenfassen, ist Arbeit.
Was es offensichtlich nicht ist, ist Erwerbsarbeit. Dass diese nicht unwesentliche Unterscheidung, die der Bundeskanzler vergangene Woche bei seiner Äußerung vermissen ließ und sich tags darauf dafür entschuldigte, zu einer tagelangen Diskussion und einer Minidemo vor dem (leeren) Kanzleramt führte, lässt sich rational eigentlich kaum erklären.
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| Rationalität ist aber ganz generell nicht der stärkste Zug der österreichischen Familienpolitik, und das seit Jahrzehnten: Während so gut wie jede neue Regierung neue Milliarden in den Ausbau der Kleinkindbetreuung pumpt, bleibt Österreich auch bei den direkten staatlichen Auszahlungen an Familien mit Kindern (allen voran bei der Familienbeihilfe) nahe an der Weltspitze.
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Anders gesagt: Wir betreiben als Staat beträchtlichen Aufwand, um zwei konkurrierende Systeme mit völlig widersprüchlichen Zielen zu betreiben: Krippen und Kindergärten, die die Vereinbarkeit von Kind und Beruf unterstützen sollen – und die direkten Zahlungen, die es Eltern natürlich einfacher machen, länger daheim beim Kind zu bleiben.
Historisch ist das, wie Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik in einem Bluesky-Thread geschrieben hat, den gegensätzlichen ideologischen Ansätzen von ÖVP und SPÖ geschuldet. Jetzt kann man argumentieren, die Republik ließe den Eltern eben „Wahlfreiheit“, wie sie ihren Aufgaben nachkommen wollen. Das dient auch als Begründung dafür, eben alles zu fördern.
Mit einer effizienten und effektiven Politik „aus einem Guss“ hat das aber wenig zu tun – und man nimmt sehenden Auges in Kauf, dass man so keines der Ziele wirklich erreicht, die eine moderne Familienpolitik haben könnte.
Erstens, wenn man es aus der Gleichstellungsperspektive betrachten möchte: Noch immer arbeiten drei Viertel der erwerbstätigen Mütter mit Kindern unter 15 Jahren nur in Teilzeit (gegenüber 40 Prozent der Frauen ohne Kinder bzw. mit älteren Kindern). Das zieht einen Rattenschwanz negativer Folgen nach: Geringeres Aktiveinkommen, weniger Aufstiegschancen, Einbußen bei den Pensionsansprüchen und so weiter.
Das wird sich realistischerweise auch nicht schnell ändern, wenn man nur noch mehr Kinderbetreuungsangebote stellt: Im Arbeitskräfte-Mikrozensus der Statistik Austria (zuletzt 2025) haben mehr als zwei Drittel jener Menschen, die wegen Betreuungspflichten in Teilzeit arbeiten, angegeben, aus eigenem Wunsch – also auch, wenn Betreuungsangebote zur Verfügung stehen – bei den Kindern bleiben zu wollen. Ausgerechnet in Wien, dem Bundesland mit der am dichtesten ausgebauten Kinderbetreuung, ist der Erwerbsanteil der Frauen am niedrigsten. (Aber immerhin: unter jenem vergleichsweise niedrigen Anteil der Frauen, die arbeiten, ist der Teilzeitanteil der niedrigste in Österreich.)
Wenn man, zweitens, als höchstes Ziel der Familienpolitik sieht, dass generell mehr Kinder zur Welt kommen, wäre Österreich ohnehin dramatisch gescheitert. Aktuell stehen wir bei einer Fertilitätsrate von etwa 1,3 Kindern pro Frau, was offensichtlich viel zu wenig ist, um ein natürliches Bevölkerungswachstum zu erhalten. Damit ist Österreich nicht allein: Wie ich auch aus dem soeben erschienenen Buch „After the Spike - Population, Progress, and the Case for People“ mitgenommen habe, sinken die Geburtenraten auf der ganzen Welt seit Beginn der Messungen. Das ist aus einer ganzen Reihe von Gründen unerfreulich, aber nichts, wogegen man mit der einen oder anderen Art von Politik große Änderungen erzielen könnte.
Und drittens ist da noch der Aspekt, dass die bedingungslose Gleichzeitigkeit von Familienbeihilfe und Armutsabsicherung – etwa in der Mindestsicherung – zu eher unerwünschten Ergebnissen führen kann – Stichwort 6.000 Euro monatlich für zugewanderte Großfamilien, was immer wieder zu Diskussionen rund um Migration und Leistung geführt hat.
All das heißt natürlich nicht, dass wir aufhören sollten, die Kinderbetreuung auszubauen oder dass wir von heute auf morgen die Geldleistungen für Familien streichen müssen. Aber wenn das Sommertheater um Stockers Aussage etwas Gutes hätte, dann dass die Republik einmal ernsthaft darüber nachdenkt, wie eine effiziente Familienpolitik aus einem Guss ausschauen könnte – welche Betreuungsstandards in ganz Österreich gelten sollen (das hat die „Reformpartnerschaft“ sich schon vorgenommen) und welche Geldleistungen es dann wirklich noch braucht, wenn der Staat ohnehin ein solches Betreuungsangebot stellt.
Das wäre jedenfalls lohnender als weiter an historisch gewachsene Strukturen neue Leistungen dazuzutackern. Aber durchaus mit Arbeit verbunden.
Herzlich,
Ihr Georg Renner
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