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Einerseits die, die die meisten Zuschauer auf sich vereinen. Andererseits jene, die zum Zeitpunkt ihrer Erstausstrahlung vielleicht weniger populär sind, aber eine signifikant längere Halbwertszeit aufweisen und noch Generationen später als beispielhaft für den Zeitgeist referenziert werden. Belege dafür gibt es, seit sich das Fernsehen zu einem Massenphänomen auswuchs, zuhauf.
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Die 1950er-Spießeridylle von „Leave It to Beaver“ und die Western-Romantik von „Rawhide“. Die kosmopolitischen Utopieentwürfe der 1960er, Marke „Star Trek“. Die subtile Sozialkritik von „All in the Family“ (dessen Protagonist Archie Bunker eine der Blaupausen für Ernst Hinterbergers „Echten Wiener“ lieferte), „Maude“ oder „Good Times“, die die Siebziger dominierten. Die neue kleinbürgerliche Milde der Achtziger, repräsentiert von moralinsauren Weichspülvehikeln wie der „Cosby Show“, flankiert von „Gier ist gut“-Propaganda à la „Dallas“ und „Dynasty“ und testosterongetränkten Heulern vom Schlag „Miami Vice“, „Magnum P.I.“, oder „Knight Rider“. Wer ein Gefühl für die Clinton-Jahre entwickeln möchte, muss „Akte X“, „ER“ und „Homicide“ (nach-)schauen. Wer die Politik von George W. Bush und Barack Obama in den Nullerjahren verstehen will, kommt an „The Wire“, „The West Wing“ und „Breaking Bad“ nicht vorbei.

Wer Amerika heute verstehen will, muss „Euphoria“ schauen. Punkt.

Wiewohl die soeben zu Ende gegangene, von HBO produzierte Saga an fiktiven Orten spielt, sind ihre Kulissen unverkennbar. Es sind Landstriche und Orte, die fast ein Jahrhundert lang für alles standen, was das Land und seine Idee von sich selbst in der globalen Imagination begehrenswert machte. Ein Traum von grenzenloser individueller Freiheit und von so atemberaubenden wie sonnendurchtränkten Weiten und Möglichkeiten. Südkalifornien, die amerikanischste aller amerikanischen Pilgerstätte, mit seinen Millionenmetropolen, seiner glitzernden Ozeanküste, den bis weit in die Wüste ausufernden Vorstädten und den sich bis weit in sein Hinterland ziehenden Bergmassiven; seine Nähe zur heute von Tod, Leid und Anarchie gezeichneten Grenze zu seiner mexikanischen Halbschwester Baja im Süden und zum menschenfeindlichen, von Staub, Sand und Gestein überzogenen Niemandsland im Osten, das erst kurz vor den grellen Lichtern von Vegas endet.

Eine Serie, die in ihrer so hochgradig ästhetisierten wie detaillierten Unbarmherzigkeit und Radikalität Trumps Amerika ein fast perfektes Spiegelbild vorhält, konnte am Ende einzig hier, und nur hier spielen. Nicht trotz, sondern eben genau weil es in alle Mythen getaucht ist, die Amerika und seine Leute bis heute als sinnstiftend begreifen.

Das drei Staffeln à neun Episoden umfassende Epos ist das Resultat eines Wagnisses. Ein zur Serie gewordenes Revival eines schon tot geglaubten Konzepts: das des klassischen Auteurs, der nahezu autonom eine Welt erschafft, schreibt und dreht. Im Fall von „Euphoria“ heißt er Sam Levinson. Im seit jeher extrem überschaubaren Mikrokosmos Hollywood gilt er als eher schwieriger Charakter. Wie in fast allen, gestern wie heute überall auf der Welt seltenen Fällen, in denen der Mainstream jemandem sein Geld anvertraut, der als „schwierig“ gilt, hat sich das Wagnis für alle Seiten ausgezahlt. (Mit Ausnahme fast aller professionellen Kritiker der traditionellen Massenmedien, deren Urteil – „zu drastisch, zu überdreht, zu schwer verdaulich“ – mutmaßlich mehr über den Zustand ihrer sterbenden Zunft erzählt als über die Realität.)

Wenn die Handlung auch frei erfunden sei, basiert sie Levinsons Aussagen zufolge durchwegs auf persönlichen Erfahrungen. Was genau keine seiner Zeitgenossinnen und -genossen wundert, die in den vergangenen zehn Jahren auch nur einmal mit offenen Augen und Ohren durch Amerikas Sub- und Exurbs gelaufen sind. So verschlungen sich manche Erzählstränge auch darstellen mögen, lässt sich der Sukkus von „Euphoria“ auf wenige Zeilen reduzieren. Hauptfigur Rue, gespielt von der unvergleichlichen Zendaya, laviert sich in einer Zeit, in der der real existierende Trumpismus alle Ebenen der Gesellschaft durchdrungen hat, zuerst durch eine amerikanische Vorstadtjugend und dann durchs Erwachsenwerden. Die Protagonistin und die Nebendarsteller sind allesamt Produkte einer systematisch auf Egomanie, Gier und Zerstörung konditionierten Umwelt, in der einzig das Recht der Stärkeren, Vernetzten und Gewissenlosesten gilt.

So verschieden die Strategien der Teenager und jungen Erwachsenen sind, mit diesem Schicksal umzugehen, frisst die neue amerikanische Realität langsam, aber sicher und gnadenlos die Seelen aller, die sie umgeben – und am Ende sie selbst.

Während des Übergangs zwischen Trump 1 und 2 begegnen sie einem Panoptikum von Leuten, die die neue Zeit repräsentieren: Drogendealer, die einst als Lehrer arbeiteten, bis sie angesichts der Verhältnisse ihren neu gewonnenen Nihilismus für jene Sorte lukrativer Barbarei instrumentalisierten, den ihnen das Weiße Haus und seine Gefolgschaft vormachen. Schwarze Männer, die ihren Glauben an Fortschritt in einer weißen Mehrheitsgesellschaft nie aufgeben mussten, weil sie ihn nie hatten, und ihre traurige Existenz als Hurentreiber, Schmuggler und Erpresser mit grenzenloser Egomanie wettzumachen trachten. Ehemalige Soldaten, die jene Art von Amerikas Kriegen fochten, an die sich keiner mehr erinnert außer sie selbst. Honorige Patriarchen der Haute Bourgeoisie, die ihre Stellung und ihr Geld dafür nutzen, buchstäblich Kinder zu vergewaltigen. Verzweifelte Mütter, die sich in die Religion und jene Art von kulturell sanktioniertem Zwangs-Zweckoptimismus flüchten, der bisweilen tödlich endet. Und, und, und. Und am Ende, für alle, die einzigen Auswege, die bleiben, um die Wirklichkeit erträglich zu machen: Drogen, Sex, Gewalt, Geld, Mord, Selbstmord.

Entscheidungen haben Konsequenzen. Auch wenn es oft Zeit braucht, bis man sie allumfassend spürt; und wer sie so lange wie möglich zu ignorieren versucht und verbissen versucht, die kaputte Fassade aufrecht zu erhalten, öffnet die Tore zur Hölle. Im Fall von „Euphoria“ ist das etwa ein Luftloch, das einen lebendig begrabenen Protagonisten so lange am Leben erhalten soll, bis seine Sponsoren – armenischstämmige Gangster, die vom neuen Regime mindestens so profitieren wie ihre hier geborenen Kollegen – das verliehene Geld zurückbekommen. Den Strich durch die Rechnung macht ihnen das inoffizielle Wappentier des „Golden State“. Angelockt durch die aus dem Luftloch dringenden Schreie und die durch das Hämmern des Begrabenen bebende Oberfläche, findet eine Klapperschlange ihren Weg durch das Loch und macht aus der Holzkiste, in der er gefangen ist, einen Sarg. Als man ihn ausgräbt, offenbart sich ein so buchstäblich giftiges wie treffendes Sinnbild des Zustands von Amerika 2026: Ein grausam entstelltes, von Kopf bis Fuß von Höllenqualen gezeichnetes Opfer. Eines, das für sein Schicksal freilich einzig und allein selbst verantwortlich ist.

Ihr Klaus Stimeder

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